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Rezension: Afghanistan –Steve Mc Curry- Taschen

Die Bilder für diesen grandiosen Fotoband mit dem Titel "Afghanistan" hat Steve McCurry realisiert. Er gilt als der bildmächtigste Vertreter zeitgenössischer Fotografie.

William Dalrymple war für das Nachwort zuständig. Zu lesen ist es in englischer, deutscher und französischer Sprache.

Hier erfährt man allgemein Wissenswertes zu Afghanistan, wo sich seit alters her alles gegen eine Staatenbildung verschworen hat. Genannt werden als Gründe: die Geographie, die Topographie und die gebirgige Landschaft des Hindukusch. Hinzu kommen die verschiedenen Stämme und die ethnischen und sprachlichen Gräben. Sie spalten die afghanische Gesellschaft. Blutrache unter den Clans und Stämmen scheint an der Tagesordnung zu sein. Das Ergebnis ist, die Fotos zeigen es, niederschmetternd.

Aufgrund der Kälte im Winter erscheinen die Gesichter der Afghanen ausdruckslos. Aufgeschreckt liest man, dass 80% der Bewohner des Landes Analphabeten sind. Das macht die Menschen dort allerdings nicht weniger selbstbewusst, wie die Bilder offenbaren.

Man erfährt im Nachwort u.a. Wissenswertes über die Mentalität der Menschen in diesem uns fremd erscheinenden Land, die ihre Freiheit lieben und zuverlässig zu ihren Freunden, dabei zudem sehr gastfreundlich sein sollen.

Steve Mc Curry reist seit über dreißig Jahren durch Afghanistan und scheute nie vor dem Grauen und der Tragödie der modernen Kriege in der Region zurück. Seine Bilder sind deshalb teilweise schonungslos und schockierend, gleichwohl bezeugen sie seine Liebe zu diesem rauen Land.

Der Fotoband übermittelt nicht zuletzt ein grandioses Panorama des Landes, zeigt bewaffnete Männer, karge Landschaften, liebenswerte Menschen, die mit Wenigem auskommen, befremdlich erscheinende Gebäude und restlos zerstörte Orte, in denen Menschen unter schwierigsten Verhältnissen leben müssen, zeigt weiter Soldaten im Einsatz, schon kleine Kinder mit Waffen, Brutalität und Angst inmitten verwüsteter Orte, Kriegsinvaliden, unglaublich zerstörte Städte, Feuer und Schutt, Blut, doch irgendwann auch lesende Knaben und ein Mädchen, das ein Buch schützend im Arm hält, selten ein Lachen, oft Einäugige, und plötzlich auf einer Doppelseite einen märchenhaften Palast mit unzähligen Friedenstauben davor. Ein Hoffnungsschimmer.

Frauen, die eine Burka tragen, gehören zum Straßenbild und auch Mädchen, die geschickt Bälle jonglieren, nicht zuletzt, weil sie ihr Gesicht noch öffentlich zeigen und ihre Augen noch der raschen Bewegung der Bälle folgen dürfen.

Steve McCurry hat u.a. eine Frau mit einer gelben Burka aufgenommen. Das Gewand ist sehr kostbar - aufwendige Stickereien und komplizierte Falten, die den Umhang fächerartig gestalten - machen neugierig. Wenn man nicht wüsste, dass Frauen in Afghanistan gezwungen werden, eine solches Kleidungsstück zu tragen, könnte man  die Burka als ästhetisch schön bezeichnen. So allerdings spürt man bloße Verärgerung. Einen solchen Spagat will man nicht machen. Es wäre Verrat.

Männer und Frauen leben in diesem Land, die Bilder verdeutlichen es, in unterschiedlichen Gesellschaften. Für Menschen, die eine virile Zeit heraufbeschwören wollen, ist dieses Buch vielleicht eine letzte Mahnung. Tod und Verwüstung, Unterdrückung von Frauen und Kinder, die das Lachen verlernt haben, sind das Ergebnis, wenn man Männer archaisch viril ihre Machtbestrebungen ausleben lässt. Das ist die Botschaft dieses Buches.

Ein beeindruckendes Buch mit grandiosen Aufnahmen. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
Onlinebestellung: TASCHEN oder Amazon: Steve McCurry. Afghanistan (Fo)

Rezension: Helmut Newton-Taschen

Dieser Prachtband mit Werken des legendären Fotografen Helmut Newton (1920-2004) ist eine neue Ausgabe des berühmten Fotobuchs "SUMO", das ein Jahrzehnt nach seiner Erstveröffentlichung, von June Newton überarbeitet in einem Format herausgegeben wurde, das es nicht zuletzt auch preislich ermöglicht hat, es einem breiteren Publikum zu offerieren. 

"SUMO" gilt mit seinen 34,5 Kilogramm als das größte, gewichtigste und teuerste Buch des 20. Jahrhunderts und erschien in einer limitierten Auflage von 10 000 signierten und nummerierten Exemplaren. Diese waren bald nach der Veröffentlichung ausverkauft und vervielfachten sich im Wert. Das SUMO-Exemplar Nummer eins, handsigniert von über 100 im Buch abgebildeten berühmten Persönlichkeiten wurde bei einer Auktion in Berlin für damals 620 000 DM versteigert. 

Das hier vorliegende Werk ist in einer gut verschließbaren Box enthalten und zwar gemeinsam mit einem Heft, dass das Vorwort der SUMO-Originalausgabe von Helmut Newton aus dem Jahre 1999 enthält, abgedruckt in englischer, deutscher und französischer Sprache und zudem Nachbetrachtungen von June Newton (zehn Jahre danach) wie auch eine Nachbetrachtung von Philippe Garner, ebenfalls dreisprachig abgedruckt. 

Zudem wird in der Box ein eigens für das Buch entworfener Display-Buchständer mitgeliefert. 

Mit großem Vergnügen bin ich in die Bilderwelt Newtons erneut eingetaucht, die ich im Jahre 2000 erstmals bei einem Bekannten in der SUMO-Originalausgabe bewunderte und bin nun wirklich sehr angetan, von der neuen handlicheren Ausgabe. 

Werke von Newton aus unterschiedlichen Jahrzehnten warten auf den Betrachter. Wie Newton in seinem Vorwort schreibt, hatte er schon früh begriffen, dass er im Studio nicht zu seiner besten Form fand, dass seine Fantasie die Realität draußen unter freiem Himmel benötigte. Schon früh war ihm bewusst, dass seine Models einen bestimmten Frauentyp verkörperten. Sein Anliegen war es, verrückte und sexuell aufgeladene Modefotografien zu realisieren. Dabei beschränkte er sich auf zwei Kameras, jede mit drei Objektiven, einen Blitz, den man auf die Kamera stecken konnte und einen Assistenten. 

Seine ersten Aktaufnahmen machte er nicht vor 1980. Modefotos in Schwarz-Weiß oder Farbe aus den 1960er Jahren lassen bereits erkennen, dass er eine  sehr individuelle Sicht auf seine Modelle hatte. Hocherotisch erweist sich jedes Foto als eine Männerfantasie, wie ich amüsiert aber nicht pikiert feststelle. 

Die Kleidung berühmter Modemacher wird zur interessanten Verpackung von Frauen mit ganz großer Ausstrahlung, die wenig selbstbewusste Männer bestimmt äußerst verunsichern. Tollen Fotos aus den 1970er Jahren, die u.a.  Modeaufnahmen für Yves Saint Laurent zeigen und hier bereits mit der Erotik lesbischer Frauen kokettieren, folgen dann erste Aktbilder von Frauen mit noch unrasierten Schamhaaren, die darin erinnern wie sehr sich das Körpergefühl in den letzten Jahrzehnten geändert hat.

Ein schönes Foto von Andy Warhol aus dem Jahre 1974 beeindruckt ebenso wie die folgenden Aktfotos. Irgendwann dann darf man eine sehr interessante Aufnahme von Catherine Deneuve bewundern. Sie war eine besondere Schönheit, ohne Frage. Newton lässt die Betrachter nicht im Ungewissen.

Karl Lagerfeld ist mehrfach zu sehen und man kann Newtons Sichtweise auf Schauspielerinnen wie Romy Schneider, Elisabeth Taylor oder Charlotte Rampling nachvollziehen. Ihm ging es  dabei eindeutig stets um Authentizität.

Dann gibt es da auch noch das Foto von Helmut Berger. Es stammt aus dem Jahre 1984 und wurde in Beverly Hills aufgenommen. Es handelt sich dabei um eine Aktaufnahme vor einem offenen Kamin. Helmut Berger blickt lässig, dabei aber nicht eitel in den Spiegel. Sein Körper, formvollendet, zeigt ihn als den schönsten Mann des vergangenen Jahrhunderts. 

Eine wunderschöne Porträtaufnahme von Marianne Faithfull aus dem Jahre 1999 lässt erkennen, dass Newton in die Seele seiner Modelle blicken konnte. Seine Aktaufnahmen- es sind sehr, sehr viele- zeigen, dass Helmut Newton ein Faible für Frauen hatte, die nicht androgyn, aber gewiss ein wenig dominant waren. 

Ein Foto von Claudia Schiffer mit Zöpfen im Dirndl ist gleich neben einer Aufnahme von Leni Riefenstahl positioniert. Ich erlaube mir beim Anblick der Doppelseite nichts zu denken und bewundere dann weiter die vielen Aktbilder, die nicht nur Ausdruck des Zeitgeistes sind, sondern auch etwas über die Vorlieben von Helmut Newton aussagen. 

Künstlerisch wertvoll ist jedes Bild. Keines der Werke wirkt bildbearbeitet, sondern stattdessen wahnsinnig authentisch. Fantastisch, nach langer Zeit endlich mal wieder attraktive Aktmodelle zu sehen, die nicht schönheitsoperiert sind!

Alle Fotos beinhalten ein Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Eine interessante Aufgabe.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

Überall im Handel erhältlich

Rezension: Kandinsky- Prestel

Die Herausgeber dieses vortrefflichen Kunstbandes sind Helmut Friedel und Annegret Hoberg. Neben einer Vielzahl von Werken Wassily Kandinskys erwarten den Leser zunächst eine sehr gut geschriebene Einleitung, insgesamt 7 Essays unterschiedlicher Autoren, die das Werk des Künstlers erhellen, dessen Lebensstationen, das Verzeichnis der abgebildeten Werke, sowie eine ausgewählte Bibliografie und das Register. 

Im Rahmen der "Lebensstationen" werden zahlreiche Fotos aus seinem Leben gezeigt. 

Wassily Kandinsky wurde 1866 in Moskau in eine begüterte Familie hineingeboren. Sein Vater führte ein Teehandelsgeschäft. Seine Mutter stammte aus dem gehobenen Moskauer Bürgertum und seine Großmutter war Baltin. Kandinsky besuchte das humanistische Gymnasium in Odessa und studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Statistik  in Moskau und schloss 1893 sein Studium ab, um drei Jahre später in München Malerei zu studieren. Jetzt lebte er mit seiner Frau Anja im Künstlerviertel Schwabing. Zwei Jahre später nahm er erstmals an einer Ausstellung teil und wurde im Jahre 1900 in die Malklasse von Franz v. Stuck aufgenommen. Ein Jahr danach gründete er mit anderen Malern aus der Schwabinger Kunstszene die Ausstellungsvereinigung Phalanx und schon bald berichtete die renommierte Petersburger Zeitschrift über den Künstler. 

1903 dann besuchte Kandinsky die Frühjahrsausstellung der Wiener Secession und unternahm in den Folgejahren viele Reisen mit der Künstlerin Gabrielle Münter durch ganz Europa. Sie gründeten gemeinsam die Neue Künstlervereinigung München, malten und lebten immer wieder in Murnau, wo sie ein Haus kauften. Hier entwickelte er eine neue Malweise. Seine Landschaftsbilder aus jener Zeit werden fauvistisch genannt. Jetzt wurde sein Bildaufbau komplizierter. Die Leuchtkraft der Farben übertönte die Konstruktion der Gegenstände. 

Bereits in seinem Kunststudium hatte Kandinsky den engen Zusammenhang zwischen Musik und Farbe erkannt. Doch es soll an dieser Stelle nicht die gesamte Biografie wiedergegeben werden. Soviel nur: Es ist empfehlenswert die "Lebensspuren" (S. 263- 299) zuerst zu lesen, bevor man sich in die Bilderwelt vertieft. 

Spannend, seinen Weg zur Abstraktion mit zu verfolgen, und seinen Einfluss auf die Entwicklung der Malerei im 20. Jahrhundert kennen zu lernen. Besonders interessant finde ich allerdings seine Beziehung zur zeitgenössischen Musik. Darüber schreibt Annegret Horberg in ihrem Essay "Ich sah alle meine Farben im Geiste". 

Hier liest man dann, dass es Kandinsky bei der Entdeckung der neuartigen Musik von Arnold Schönberg um die Entwicklung von Gesetzmäßigkeiten ging, die sich auf den Bau autonomer Bildgesetze übertragen ließen, um eine mehr oder weniger verbindliche Elementarlehre für die Malerei der Zukunft, die sich von jeder Abbildlichkeit freimache. Kandinsky ging es nicht darum, Musik zu malen oder in Farben auszudrücken, sondern, das sei abermals betont, darum zu zeigen, dass jede Kunst seine Gesetzmäßigkeit habe und dass das strukturelle Prinzip der Musik ein Vorbild der abstrakten Komposition einer Malerei der Zukunft aus selbstständigen Farben und Linien sei. 

Eine sehr schöne, reich bebilderte Monografie, die über alle Schaffensperioden Wassily Kandinskys aufklärt.

Sehr empfehlenswert

 Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich
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Rezension: CUBA- Elliott Erwitt- teNeues

In diesem grandiosen Bildband, werden Schwarz-Weiß-Aufnahmen gezeigt, die der renommierte Fotograf Elliott Erwitt realisiert hat. Der Fotokünstler wurde am 26.7.1928 in Paris geboren und verbrachte seine Kindheit in Mailand. 1938 ging er mit seiner Familie nach Paris zurück und emigrierte ein Jahr später nach New York.

Bereits als Teenager erwachte sein Interesse für Fotografie. Damals lebte er in Hollywood. 10 Jahre später dann wohnte er erneut in New York und reiste von dort aus nach Frankreich und Italien. Seit 1953 arbeitet er bei Magnum Photos und ist seitdem angesehenes Mitglied der Agentur, in der er mehrmals als ihr Präsident fungierte. Neben seiner Arbeit als Fotograf hat Erwitt auch Filme gedreht und mehrere Bücher veröffentlicht.

Seinen Lebensmittelpunkt hat der Fotograf in New York, allerdings ist er nahezu ununterbrochen auf Reisen. So verbrachte er 1964 eine Woche auf Kuba. Dort war er Gast von Fidel Castro. Im Auftrag von "Newsweek" lichtete er ihn und Che Guevara ab.  So erlebt man eingangs  dann auch den noch jungen Fidel Castro und gewinnt den Eindruck, dass das kubanische Volk ihn tatsächlich geliebt haben musste, wie deren Blicke bekunden. Der Pop-Star von beiden war eindeutig jedoch Che Guevara, ein Mann mit außerordentlichem Charisma.

Man sieht  junge Kubaner aus jener Zeit, die voller Hoffnung sind und anschließend 2015-2016 häufig gealterte Menschen, die zumeist desillusioniert erscheinen und gewinnt den Eindruck, dass es die Leute von damals waren.

Die Tänzer und Fussballspieler, die gezeigt werden, wirken gut gelaunt, aber dennoch irgendwie fahl. Künstler und Kunsthandwerker sind in ihr kreatives Schaffen versunken und scheinen die Morbidität um sie herum, auf diese Weise vergessen zu haben.

Selbst das Strandleben wirkt nicht wirklich heiter und die Häuser sind in einem abgründig desolaten Zustand. 

Die Zeit hat zynisch ihr Werk vollbracht und sich gegen die Revolution entschieden. Kuba schreit nach Farbe, Sanierung und nach Veränderung. Das ist für mich die Botschaft dieses beeindruckenden Buches, das ein Protokoll eines offenbar gescheiterten Versuchs ist.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Onlinebestellung teNeues oder Amazon: Cuba

Rezension: Egon Schiele- Sämtliche Gemälde- 1909-1918- Taschen

Dieser reich bebilderte Prachtband mit dem Titel "Egon Schiele- Sämtliche Gemälde- 1909-1918" ist seitens des Tobias G. Natter herausgegeben worden. Er war u.a. an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien als Chefkurator tätig und arbeitete zudem als Gastkurator an der Tate Liverpool, der neuen Galerie New York, der Hamburger Kunsthalle, der Schirn in Frankfurt am Main und am Jüdischen Museum in Wien. Bevor er 2014 das Unternehmen "Natter Fine Arts" gründete, das sich auf die Schätzung von Kunstwerken und die Entwicklung von Ausstellungen spezialisiert hat, war er u.a. Direkter des Wiener Leopoldmuseums. 

Das Buch enthält neben hervorragenden Abbildungen von Werken Egon Schieles sechs Essays unterschiedlicher Autoren, die dem Leser dazu verhelfen, die Werke des Künstlers besser zu verstehen, des Weiteren seinen Lebenslauf und den umfangreichen, sehr gut erläuterten Katalog der Gemälde. 

Der Lebenslauf, den Tobias G. Natter verfasst hat, beginnt mit einem Zitat Egon Schieles, das dieser auf seinem Totenbett am 31.10. 1918 formuliert hat: "Nach meinem Tode, früher oder später, werden mich die Leute gewiss lobpreisen und meine Kunst bewundern." Schiele musste kein Hellseher  sein, um diesen Satz zu formulieren.

Egon Schiele (1890-1918) war ein österreichischer Maler und Zeichner, der ab 1908 die Wiener Akademie der bildenden Künste besuchte, sie jedoch drei Jahre später wieder verließ. Die 28 Lebensjahre Schieles werden chronologisch aufgeschlüsselt und sehr gut beschrieben, so beispielsweise auch das Jahr 1910. Damals nahm die "Marke Schiele" ihren Anfang. Über diese kann man sich anhand der Werke im Buch ausgiebig informieren. Egon Schiele verstarb übrigens an der Spanischen Grippe im Alter von gerade einmal 28 Jahren. 

Man staunt über das umfangreiche Schaffen in seinen knapp bemessenen Lebensdauer. 350 Ölgemälde und 3000 Zeichnungen und Aquarelle hat Egon Schiele der Nachwelt hinterlassen. Unglaublich.

Im vorliegenden Buch werden 221 Gemälde aus dem letzten Lebensjahrzehnt Schieles gezeigt. In dem 612 Seiten umfassenden Werk gibt es allerdings 578 Abbildungen. Neben den bereits erwähnten Essays hat man Gelegenheit Auszüge aus Schriften und Gedichten zu lesen, die im Kontext zum europäischen Expressionismus stehen. 

Es führt zu weit, die einzelnen Essays verkürzt hier wiederzugeben oder gar all die wunderbaren Bilder beschreiben zu wollen. Es sind teilweise großformatige Bilder, die im Katalogteil alle ausführlich und dabei sehr gut beschrieben werden. 

Nachstehende Essays thematisieren einzelne Schaffensperioden: 

Wunderkind und Rebell- Der frühe Schiele- Christian Bauer 

Die Ästhetik der Verwandlung: Schieles Durchbruch 1910 und 1911- Helena Perena 

Egon Schieles Passion: Geistigkeit und Sexualität 1912-1915, Gemma Blackshaw 

Egon Schiele 1914-1918- Die Kriegsjahre, Jill Loyd 

Des Weiteren erfährt man in einem Essay von Diethard Leopold mehr zu dem Thema  "Das Selbst als Programm"  und von Ursula Storch   schließlich  liest man Wissenswertes zu Text und Sprache bei Egon Schiele. 

Diese Fülle an höchst unterschiedlichen Motiven, Farben, Formen ist bewundernswert. Bewundernswert aber auch sind seine Gedichte. 

Das  Werk  "Egon Schiele- Sämtliche Gemälde- 1909-1918" ist nicht nur informativ, sondern sehr edel und hochwertig. Verpackt in einer gut verschließbaren Box, kann man es als Familienschatz aufbewahren und sich immer wieder daran erfreuen.

Absolut empfehlenswert. 

Helga König

Überall im Handel erhältlich

Rezension: Henry Moore- Vision. Creation. Obsession.- Hirmer

Henry Moore (1898-1986) war ein englischer Bildhauer und Zeichner. Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches stehen dessen Monumentalskulpturen, die in der Architektur Richard Meiers für das Arp Museum Bahnhof Rolandseck erstmals auch im Innenraum vorgestellt werden. 

Auf drei Ausstellungsetagen und des Weiteren mit drei Monumentalplastiken im Außenraum des Museums wird bis zum 7. Juni 2018 das facettenreiche und weltweit prägende Schaffen des britischen Ausnahmekünstlers vorgestellt. 

Im Wechselspiel mit Gemälden und Skulpturen der Sammlung Rau für UNICEF hat der Betrachter die Möglichkeit Moores Interesse an der Kunst des Mittelalters und der Renaissance wie auch seine Begeisterung für die Malerei des 19. Jahrhunderts kennen zu lernen. 

Über Dr. Dr. Gustav Rau wird man zu Ende des Kunstbandes aufgeklärt, der sich in seinem bewundernswerten Leben für Kinder und für die Kunst engagiert hat. Im Rahmen von fünf Essays kann man sich  alsdann näher mit Henry Moore und dem Künstler Hans Arp befassen. Es werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Künstler beleuchtet, die ihre Werke schon 1936 gemeinsam präsentierten. 

Bei "Lagre Two Forms" handelt es sich um das wohl berühmteste Kunstwerk Henry Moores in Deutschland. Diese Bronzeplastik steht seit 1979 vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn. Das Werk besteht aus zwei monumentalen Teilen, die im konkav- konvexen Spannungsspiel aufeinander bezogen sind. Über dieses Werk aber auch über das Monumentale generell bei Henry Moore erfährt man Wissenswertes und hat Gelegenheit, sich mit seinen faszinierenden Werken anhand von Bildern ausgiebig zu befassen. 

Für Moore liegt die wirkliche Größe eines großen Künstlers in seiner Menschlichkeit. Zudem gehört für ihn die Beobachtung der Natur zum Leben eines Künstlers, weil diese sein Formwissen erweitere. Moore hat, wie er sagt, bei seinen Studien von Naturgebilden wie Kieselsteinen, Felsen, Knochen und Bäumen die Form- und Rhythmusprinzipien gefunden. 

Die imposanten Werksdarstellungen im Buch machen Lust darauf, die Ausstellung zu besuchen, um die Plastiken im Original zu bestaunen und eventuell auch die Materialien zu berühren. 

Die sinnliche Wahrnehmung von Kunst gehört zum Menschsein dazu, hat uns alle vielleicht zu dem gemacht, was wir sind.. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Handel erhältlich

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Rezension: Gustav Klimt- Streitfall und Aktualität- Tobias G. Natter (Hg.)- Taschen

Es ist nicht das erste Kunstbuch mit Werken von Gustav Klimt, das ich rezensiere, wohl aber das mit Abstand facettenreichste. Der Prachtband enthält neben dem Katalog der Gemälde und der Biografie des Künstlers insgesamt sechs erhellende Essays unterschiedlicher Autoren. 

Bei diesen Essays handelt es sich um: 

Der Salonmaler: Frühe Werke- frühe Karriere 
(Rainhold Franz/Angelika Pötschner) 

"Heiliger Frühling" und Zeitwende: Die Wiener Secession
 (Christoph Grünenberg) 

Der Stocletfries: Ein künstlicher Garten im Herzen des Hauses 
(Anette Freytag) 

Frauendarstellungen 
(Susanna Partsch)

Die Landschaften: Eine re- konstruierte Natur 
(Evelyn Benesch) 

Klimts zeichnerisches Universum- Grundhaltungen und Seelenstimmungen 
(Marian Bisanz- Prokken) 

Zunächst lernt man den Werdegang des Künstlers kennen, der als junger Mann sehr rasch Karriere macht und als der legitime Nachfolger von Hans Makart gilt. Man erfährt mehr darüber wie der Salonmaler zum Staatskünstler wird und prestigeträchtige Großaufträge, so etwa für Deckengemälde oder Wanddekorationen erhält. Auf dem Höhepunkt seiner ersten Karriere gerät Klimt in den 1890er Jahren in eine künstlerische Krise. Nun erlahmt sein künstlerischer Output, doch jetzt auch erfindet sich Klimt neu. 

Mit der Gründung der Wiener Secession macht er sich 1997 als Bannerträger der Moderne einen Namen. Spannend zu lesen sind die Informationen zu Klimts "Beethovenfries" und zu seinem goldenen "Kuss". Seine Frauenbilder und Landschaftsmalereien sind weitere Merkmale seines immerwährenden Wandels. 

Insgesamt lernt man im Rahmen der Essays mehr über die Denk- und Arbeitsweise des Künstlers kennen. Seine Kunst soll die kunstinteressierte Welt polarisiert und entzweit haben. Er galt als umstrittener Künstlerstar. Dabei erregten seine Werke die Gemüter, weil er für die Moderne stand und zugleich auch die Tradition verkörperte. 

Den einzelnen Essays sind  traumhaft schöne  Werksablichtungen und Fotos beigegeben, die zum fortwährenden Staunen motivieren. Klimts Frauendarstellungen zeigen viel Zeitgeist, speziell in der Mode und beeindrucken ihrer Farben und Formen wegen.  

Zahlreiche Landschaftsmalereien lassen den Blick lange innehalten. Das gilt besonders für Gemälde wie der "Morgen am Teiche" und "Der Sumpf". Bemerkenswert auch sind seine Zeichnungen, die sich mit der körperlichen Liebe von Mann und Frau befassen und seine intimen Konstellationen. Im Katalog der Gemälde werden seine Werke sehr ausführlich erläutert. Hier auch hat man Gelegenheit, sich  gedanklich noch intensiver mit dem "Beethovenfries" zu befassen und kann auch in Erfahrung bringen, was es mit seiner "Judith I.". auf sich hat. 

Wer das Schöne liebt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand geben, denn es dient diesbezüglich als Quell unendlicher Bereicherung. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König 

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Rezension: documenta 14- Daybook- Athen 8. April- Kassel, 17. September 2017, Prestel

Nachdem ich gestern auf "Buch, Kultur und Lifestyle" den "documenta 14 Reader" rezensiert habe, möchte ich mich heute mit dem Daybook der Dokumenta 14 befassen. Dieses Daybook ist nicht nur ein Ausstellungsführer, indem alle Künstler (m/w) enthalten sind, die zur Teilnahme an der Ausstellung in Kassel und Athen eingeladen wurden, sondern man hat Gelegenheit, eine polyphone Anthologie aus Texten zu lesen, die sich der Künstler widmen. 

Die Autoren (m/w) der Texte stammen wie die Künstler aus aller Welt und sind Dichter (m/w), Kuratoren (m/w), Kritiker (m/w), Historiker (m/w), und Künstlerkollegen (m/w). Jedem Tag der Ausstellung ist ein Künstler zugeordnet. Die Ausstellung dauert genau 163 Tage und entsprechend viele Künstler kann man kennenlernen.

Jeder Künstlereintrag ist zudem mit einem zweiten Datum verbunden, das für jeden einzelnen Künstler von besonderer Bedeutung ist. Aus diesen individuellen Beiträgen ist eine diskontinuierliche, historische, persönliche und spekulative Chronologie entstanden. 

Bilder von Werken der Künstler vermitteln einen Eindruck davon, was man auf der Ausstellung erwarten kann.

Am 17. Juni wird die  Argentinierin Mara Miujin vorgestellt. Ihr persönliches Datum ist der 23.12.1983. Damals sprach sie in Buenos Aires zu ihrem Werk "El Partenon de libros".

Sie sagte: Für mich ist es ein großes Vergnügen und ein Wunder, diesen Parthenon aus verbotenen Büchern zu errichten- hier im Zentrum der Stadt Buenos Aires im Jahr 1983- , da sich das Land verändert hat. Ich hoffe wir finden zurück zum Informellen und zur Freiheit, sodass wir wieder wir selbst sein können ohne Verbote."

Die 12 m hohe Installation aus dem Jahre 1983 aus Metallgerüst, Bücher und Draht ist abgebildet, aber auch die Installation "Carlos Gardell de fuego" aus dem Jahre 1981. Mara Miujin bringt Symbole in die Schieflage und schenkt ihnen dadurch nicht nur eine neue Bedeutung, sondern auch Sinnlichkeit. 

Alle Künstler der Ausstellung wollen Sinn stiften durch ihre Werke. Nachdenken über das, was ist, schafft Kunst aber auch Veränderung, vielleicht durch die eindringlichen Appelle der Künstler. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: documenta 14 READER- Prestel

Derzeit findet in Kassel die documenta 14 statt. Der vorliegende Reader analysiert anhand von Essays, Allegorien, Gedichten, historischen Dokumenten wie auch anderen hybriden literarischen Formen die diskursiven Anliegen der Ausstellung. 

Dabei geht es um Formen der Dekolonialität und Widerstand, Schuld und Geschenk, Entortung und Enteignung, Sprache und Gewalt, aber auch Indigenität und Exil. 

So fragt Quinn Latimer beispielsweise "Welche Farbe hat der Hunger? Welche Farbe hat Papier? Wie stellt man Hungersnöte, Katastrophen, Widerstand, Heimat und Nahrung dar?" Die anschließenden Bilderwelten verdeutlichen es dann unmissverständlich. Man ist tief berührt beim Anblick eines leichenfressenden Hundes während einer Hungersnot in Indien und anderer Realitätsdarstellungen mehr und weiß, dass solche Bilder notwendig sind, um aufzurütteln.

Die Bildstrecken im Buch illustrieren- zeitlich und auch geographisch den umfangreichen Raum, der durch die historischen Positionen der documenta 14 festgelegt wurde. Gezeigt wird u.a. "Die Verschmelzung von Geld und Elend" und  man stößt wenig später auf einen Text von Gustave Flaubert mit dem Titel "Die Versuchung des heiligen Antonius". Dem nicht genug erfährt man alsdann, was es überhaupt heißt zu lesen, selbst in Objekten und erfährt mehr über die neue Kunst des Büchermachens.  Hier liest man, dass ein Buch eine Folge von Räumen sei, aber auch eine Folge bestimmter Momente. 

Der Text von Ulises Carrion ist beeindruckend. Hier einer der klugen Sätze: "ein buch machen bedeutet, seine ideale raum-zeit-folge durch die schaffung einer synchronen zeichenfolge, seien es verbale oder andere Zeichen zu verwirklichen." Und an anderer Stelle weiter: "in der neuen kunst ist es oftmals nicht notwendig, das gesamte Buch zu lesen. das lesen mag in dem moment aufhören, wenn man die gesamte struktur des buches verstanden hat."

... solch ein Satz ist niederschmetternd für Autoren, die sich episch breit in ihren Texten auslassen. Aber er sollte zu denken geben...

Inmitten des Lesens und Staunens dann entdeckt man ein Gedicht von Hiva Panhahi: 

Ein Mensch aus Asche 

Die Träume kommen von fernen Orten 
Der Stein, die Vögel und ich nehmen eine neue Lebensform an 
Die Träume haben ihren eignen Weg 
Und jetzt leben wir ferne Träume. 

Wenn wir diese fernen Träume leben,  ist es selbstverständlich, die Gastfreundschaft zu kultivieren. 

"Das Gesetz der Gastfreundschaft fordert dem Ankömmling bedingungslose Aufnahme zu gewähren."  Eine Botschaft aus Kassel, die eindeutiger nicht sein kann. 

Künstler waren schon immer weltoffener als alle anderen, aber sie sind es auch, die den Zeitgeist bestimmen.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Lucas Cranach der Ältere- Meister Marke Moderne- Hirmer

Dies ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung "Lucas Cranach der Ältere- Meister Marke Moderne", die noch bis zum 30.7.2017 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf gezeigt wird. 

Lucas Cranach der Ältere wurde 1472 in Kronach geboren. Als Künstler ist er erstmals in Wien aufgefallen. Hier lebte er seit 1502. Damals war Wien das politische und kulturelle Zentrum des Reichs. Speziell der Impulse Kaiser Maximilian I. für die Wissenschaften und Künste kamen auswärtige Künstler und Intellektuelle in die Stadt. Cranach hatte Kontakt zu den Humanisten der Wiener Universität. Die Einblicke, die er dadurch in das humanistische Denken gewann, haben sich in seinen Werken niedergeschlagen. Seine Kunst wurde sehr bald zu einem maßgeblichen Impulsgeber für die expressive Malerei. Grafik und Skulptur, die die ältere Geschichte mit "Donaustil" umschrieb. 

1504/05 verlässt Cranach Wien und geht nach Wittenberg. Hier wird er Hofmaler Friedrichs III, genannt der Weise. Er zählte damals zu den bedeutendsten Kunstförderern im deutschsprachigen Raum. Jetzt findet Cranach zu einem Malstil, der es ihm ermöglicht, den Ansprüchen des Hofes, aber auch jenen des"freien Marktes" gerecht zu werden. 

Cranach verfolgte einen produktiven Wettstreit mit anderen Künstlern sowohl in der Malerei als auch in der Druckgrafik.  Es waren die Werke von Lucas Cranach, in denen sich erstmals Martin Luthers Position zum Gebrauch der Bilder manifestierte und sich von der vormaligen Aufgabe löste, Gegenstand der Anbetung sein zu müssen. 

Die lutherische Reformation und mit ihr die Werke Cranachs ebneten den Weg für eine Kunst, die um ihrer selbst willen, losgelöst vom kultischen Zweck, zu agieren vermochte. Nicht wenige Künstler haben Lucas Cranach d.Ä.  adaptiert. Sie interpretierten dessen Bildsprache und Motive und gelangten so zu kongenialen Lösungen. Das wird im Buch anhand von vielen Kunstabbildungen sehr gut verdeutlicht.

Der Katalog enthält zehn  umfangreiche Essays unterschiedlicher Autoren, die sich mit Lucas Cranach dem Älteren und seinem Werk befassen. So liest man Wissenswertes über seine Aktmalerei und erfährt, dass Cranach Dürers diesbezügliche Bildfindung studierte, erkannte und schließlich übertraf. 

Luther und Cranach als Vermittler des neuen Glaubens werden von Daniel Görres thematisiert. Hier liest man mehr zum Bildbegriff und Bildgebrauch von Luther und zu einigen Bildthemen der Reformation. Natürlich kommen auch die Farbholzschnitte des Künstlers zur Sprache und sein Können als Zeichner. Nicht zuletzt wird man über die Cranach-Forschung im digitalen Zeitalter unterrichtet. 

Im Katalog der ausgestellten Werke hat man die Chance, sich in die grandiose Bilderwelt zu vertiefen und über jedes Werk sehr gut textlich unterrichtet zu werden. 

Wer die Möglichkeit hat, die Ausstellung zu besuchen, sollte dies tun. Allein, was man in diesem Buch bewundern kann, ist mehr als atemberaubend. 

Sehr empfehlenswert 

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